Bildein, südliches Burgenland:

Vom Dorf ohne Chancen zum Dorf ohne Grenzen

Dr. Franz Oswald


"Ja, wir haben in den letzten Jahren eine tiefgreifende Umstrukturierung unserer Gemeinde erlebt, haben diese Entwicklung gemeindeintern und mit Unterstützung von außen tatkräftig gefördert, sind aus einem früher fast hoffnungslosen Randgebiet ohne Chancen zu einem zukunftsorientierten Dorf ohne Grenzen geworden. Bei uns herrscht echte Aufbruchstimmung", zieht der junge Bürgermeister von Bildein, Walter Temmel, im "kommunal"-Gespräch eine höchst erfreuliche Bilanz über die jüngste Entwicklung seiner Heimatgemeinde.

Diese Bildein-Story soll nicht zuletzt ein passender Beitrag von "kommunal" zu seiner Jubiläumsausgabe 2005 sein, der vor allem jene Menschen in Erstaunen versetzen kann, die früher dieses verschlafene Nest kannten. Bildein ist auch heute noch eine an sich wenig bekannte Gemeinde im Bezirk Güssing im südlichen Burgenland, unmittelbar an der ungarischen Grenze am Pinkafluß gelegen. Aber das ändert sich zusehends. Immerhin kennen heute etwa Rock-Freunde ebenso wie Biobauern, Weinexperten ebenso wie Geschichtsinteressierte dieses Dorf ohne Grenzen, wie sich Bildein nach der Grenzöffnung und Ungarns EU-Beitritt jetzt nennt. Bis zu 4000 Besucher jährlich kommen allein in das hochinteressante, architektonisch und inhaltlich attraktiv und originell gestaltete Erste burgenländische Geschichte(n)haus, das der Künstler Andreas Lehner entworfen hat.

Jahrzehnte am Eisernen Vorhang

Das war wie gesagt nicht immer so. Bildein, alter Siedlungsboden mit Spuren bis ins frühe Mittelalter, in einem sehr fruchtbarem Gebiet befindlich, von kirchlicher und weltlicher Grundherrschaft ebenso wie von einem fleißigen Menschenschlag geprägt, gehörte bis Ende 1921 zu Ungarn. Das Dorf kam mit der Eingliederung Deutsch-Westungarns als nunmehriges Bundesland Burgenland zu Österreich, erlebte damit einen tiefgreifenden Einschnitt in seine gewachsene, auf ungarische Absatz- und Arbeitsmärkte ausgerichtete Entwicklung. Entlang dem hier nord-südlich verlaufenden Grenzfluß Pinka entstand 1921 eine als unnatürlich ampfundene mäanderförmige Grenze, die gerade Bildein – damals als zwei selbständige Gemeinden Oberbildein und Unterbildein – räumlich und regional ins Abseits stellte. Vergeblich hatte sich Oberbildein mit dem Ruf "Ohne Szombathely (Steinamanger) können wir nicht leben" an den Völkerbund gewandt, die Würfel waren bereits gefallen.

Ober- und Unterbildein bestand bis zur Kommunalreform 1971,
lebte nach 1945 mehr als 40 Jahre hindurch in unmittelbarer Nachbarschaft
zum berüchtigten Eisernen Vorhang und damit in einer tristen Lage an der "toten Grenze".

Dramatische Bevölkerungsverluste durch Abwanderung und vor allem durch eine beispiellose Auswanderung nach Übersee, insbesondere in die USA, und damit wenig Zukunftshoffnung waren die Folge. Dennoch blieben die Bildeiner das, was sie immer waren: ein lebensfrohes, kirchenverbundenes Völkchen, wo gerne gefeiert, gesungen, getanzt wird.

Enttäuscht von der Gemeindefusion

Das Jahr 1971 brachte einen historischen Einschnitt: Mit dem burgenländischen Kommunalstrukturverbesserungsgesetz wurden beide Gemeinden zwangsweise der Marktgemeinde Eberau zugeschlagen, die damit auf sieben Katastralgemeinden angewachsen war. Freilich machte sich bei den Bildeinern rasch Enttäuschung breit: Selbständigkeit verloren, Infrastruktur verloren, Schule verloren, bald auch den eigenen Pfarrer. Von der neuen Zentralgemeinde fühlte man sich vernachlässigt, die Abwanderung hielt unvermindert an, bis schließlich an den ungelösten Fragen Kindergartenbau und Abwasserbeseitigung die Stimmung der Bildeiner endgültig kippte: Man wollte wieder selbständig werden, hatte intern, nach der jetzt angepeilten Ausgliederung von Eberau, das schon lange fällige Zusammengehen von Ober- und Unterbildein als künftiges "Bildein" im Auge.

Neue Selbständigkeit mit Einheitsgemeinde

Mittlerweile war in Kreisen der sehr aktiven örtlichen Landjugend eine heimatverbundene Generation von jungen, dynamischen Ortsbewohnern herangewachsen, die diese neue Selbständigkeit verwirklichen wollten. Die Volksbefragung von 1991 brachte dafür eine überwältigende Mehrheit, die Selbständigkeit wurde mit 1. Jänner 1993 Realität. Mit Gemeinderatsbeschluß von 1995 wurde aus der einstigen Doppelgemeinde die nunmehr vereinigte Einheitsgemeinde Bildein, das Gemeindeamt im renovierten, sehr schönen und repräsentativen Pfarrhof untergebracht. Einer dieser "jungen Löwen" aus der Landjugend, Walter Temmel, beruflich Verwalter der landwirtschaftlichen Fachschule Güssing, wurde mit noch nicht 32 Jahren und einer satten VP-Mehrheit von 9 zu 2 Mandaten in Direktwahl durch die Bevölkerung zum Bürgermeister gewählt – und ist es unbestritten bis heute.

Biodorf Bildein

"Eines war klar: Bildein braucht ein neues Gesicht, ein neues Image. Der Stacheldraht zu Ungarn war weg, die Grenze jetzt wesentlich duchlässiger, nach über 70 Jahren war die in Reichweite befindliche ungarische 90 000-Einwohner-Stadt Steinamanger mit allen daraus resultierenden Chancen wieder sehr nahegerückt. Wir haben begonnen, uns als ‚Biodorf Bildein’ zu profilieren, als Dorf ohne Grenzen, wollen eines der Naherholungsgebiete von Steinamanger werden" beschreibt Walter Temmel die neue Gemeindephilosophie. Aus Wien-Pendlern sollen mittelfristig Tagespendler werden, lautet ein weiteres wesentliches Ziel, das durchaus realistisch erscheint.

Neue Gemeindephilosophie: Das Dorf ohne Grenzen

Man ist diesen Zielen im nunmehr 380-Seelen-Ort – bei einer jetzt stabilisierten Bevölkerungszahl – sehr nahe gekommen, Bildein ist heute gegenüber früher kaum noch wiederzuerkennen. Mit einem Expertenteam und den Aktivitäten des "Kulturvereins Grenzgänger" sowie der Vereinigung "KuKuK" setzt man Schritt für Schritt ein gewaltiges Entwicklungsprogramm um. Grundsatz: Ein modernes Leitbild (Bildein – Das Dorf ohne Grenzen) mit originellen Einrichtungen und Events, mit neuen Strukturen und einer Ausrichtung über die – seit Ungarns EU-Beitritt 2004 noch offenere - Grenze. Und dies ohne Gesichts- und Geschichtsverlust, im Gegenteil: in Anlehnung an alte Traditionen. Diesen Spagat schafft Bildein mit viel Ambition sehr überlegt und konsequent.

Dorferneuerung pur

Das ist Dorferneuerung, wie’s im Büchl steht. Das schon genannte burgenländische geschichte(n)haus, ein Weinarchiv mit den besten Tropfen der Umgebung, Kulturstadel, Festivalgelände mit sensationellen Pop- und Rockkonzerten, Familienfesten, LWK-LandWirtKunst etc., Dorfgasthaus und ein kleiner Supermarkt, eine Biodieseltankstelle und ein Biofernwärmewerk, ein angesiedelter Kleinbetrieb mit immerhin 12 Arbeitsplätzen, eine weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannte Zuckerbäckerei, tüchtige Biobauern, künstlerische Veranstaltungen, vor allem der durch obgenannte Aktivitäten entstandene neue Ortskern und vieles mehr geben davon ein beredtes Zeugnis. Mit dem Europäischen Dorferneuerungspreis wurde der Gemeinde bereits internationale Anerkennung zuteil. Mit den ungarischen Nachbarn gibt es zahlreiche Kontakte. So besucht man sich etwa gegenseitig bei Festen, stellt im übrigen auch drüben ähnliche Aktivitäten fest. "Ja, das Dorf ist im Aufbruch, wir sehen eine Zukunft und glauben daran, nützen unsere Autonomie als Gemeinde voll, wollen unser Schicksal selbst bestimmen", so ein optimistischer Bürgermeister.

Kanzler-Lob für Bildein

Davon konnte sich an einem Sonntag im September höchste staatliche Prominenz bei einem Bildein-Besuch persönlich überzeugen: Bundeskanzler Schüssel und Nationalratspräsident Khol. Sie fanden durchaus Lob und Zuspruch für’s neugestaltete Dorf, was die Bildeiner verständlicherweise mit Stolz erfüllte. Das "Dorf ohne Grenzen Bildein" ist für sich wohl ein Einzelfall, im Grundsatz aber sicher zur Nachahmung empfohlen.


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